Essen muss das Herz anregen und nicht die Ernährungspyramide abbilden

In dieser Rubrik stelle ich ihnen Möglichkeiten vor wie die „Ernährung“ bei Menschen mit Demenz gelingen kann. Der Begriff „Ernährungsmanagement“ als Überschrift wird von mir vermieden, da die Ernährung von Demenzkranken kein „Management“ ist sondern ein soziales Event, geprägt von der Liebe zum Menschen. Pflege will jedoch professionell sein und glaubt, wenn man Begriffe aus der Ökonomie verwendet, sich Professionalität automatisiert. Der Begriff Genussmanagement ist ein von mir bewusst gewähltes Paradoxon. Trotzdem werde ich natürlich nachfolgend versuchen professionell zu wirken und mich dem pflegerischen Duktus anpassen.

Ich stelle ihnen mein Projekt im Krankenhaus vor, dass ich in meiner Zeit als Krankenpfleger entwickelt und geleitet habe. Auch in dieser demenzfeindlichen Umgebung ist es mit relativ einfachen Methoden möglich eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich der „Ernährungszustand“ eines dementen Patienten nicht unbedingt verschlechtern muss.
Für die Pflegeheime habe ich einen Konzeptvorschlag entwickelt, wie in Zeiten von Pflege-TÜV und Expertenstandard ein erfolgreiches „Ernährungsmanagement“ mit möglichst wenig Bürokratie behördengerecht gelingen kann.
Für pflegende Angehörige im häuslichen Bereich habe ich praktikable Tipps in einer weiteren Rubrik aufbereitet.

Spiegelei

Nachdem ich seit 1996 in der Pflege arbeite, habe ich mich inzwischen emotional von dieser weitgehend verabschiedet, da ich mit der Versorgung betagter Menschen mit diesem System nicht mehr konform gehen kann. Bürokratie-Wahnsinn, Lobbyismus und eine Überakademisierung der Pflege verhindern eine menschenwürdige Versorgung alter Menschen. Wer denkt, dass mit 5x am Tag Obst und Gemüse, in verschiedenen Farben, und Vollkornreis der Ernährungszustand von dementen Menschen verbessert werden kann hat keine Ahnung von der Realität. Demente Menschen sollen Essen was sie wollen und wenn es 5x am Tag Schokolade ist, so titulierte 2010 auch vernünftigerweise die New York Times in einem Bericht über Pflegeheim. Gottseidank verweist inzwischen auch die Leitlinie der DGEM darauf hin, dass Diätvorschriften, die die Nahrungsaufnahme limitieren können, potentiell schädlich sind und bei betagten Personen vermieden werden sollten. Als effizienteste Ernährungsintervention wird immer die Mär von der Trinknahrung erzählt, die in Einzelfällen durchaus sinnvoll ist, aber günstiger und schmackhafter auch selber hergestellt werden kann. Doch bekommt man für Studien nur Gelder, wenn man mit der „Industrie“ hofiert. Diese fördern methodisch schlecht gemachte Studien, in denen nie mehr wie eine Korrelation festgestellt werden kann, wovon dann ein eindeutiger Beleg für den Nutzen von Trinknahrung abgeleitet wird (Wessen Brot ich ess, dessen Lied…). Was soll denn auch für ein anderes „Outcome“ herauskommen, wenn den ganzen Tag ein „Ernährungswissenschaftler“ mit seinen Trinkpäckchen die Bewohner verfolgt. Im Duchrschnitt habe dann alle 3kg Körpergewicht zugenommen und auch der BMI (Body-Mass-Index) wirkt schon viel behördenfreundlicher im Vergleich zur Kontrollgruppe. Ob die Bewohner deswegen glücklicher sind und die Pflegekräfte angemessen bezahlt werden, wen interessiert es?!

Währenddessen haben Pflegekräfte, ob im Krankenhaus oder im Pflegeheim, kaum Zeit um in Ruhe Essen einzugeben, weil sie die meiste Zeit damit beschäftigte sind sinnlose Pflegeplanungen für Heimaufsicht und MDK zu schreiben und bekloppte PKMS-Kriterien ermitteln, weil Pflegewissenschaftler versuchen normale Alltagsverrichtungen, wie Essen, aufs Klo gehen und sich waschen in wildeste Pflegetheorien zu verpacken, wofür ein gesunder Menschenverstand eigentlich völlig ausreichen würde. Vor lauter Angst werden lieber sinnlose Essprotokolle ausgefüllt, und die „Industrie“ kann ihre Kalorienzähl-Software auch noch verhökern, die dann sofort Alarm gibt, wenn Trinknahrung verabreicht werden muss. Doch Hauptsache man schreibt mindestens 5x den Begriff Qualität (dieser hat den Begriff „ganzheitlich“ inzwischen abgelöst) in sein Leitbild und lässt sich von selbsternannten „Qualitätsgurus“ beraten. So gibt es noch eine unnütze Berufsgruppe mehr, die Geld aus dem System zieht.

Nichtsdestotrotz, ich hoffe ich kann ihnen mit meinen Tipps und Erfahrungen weiterhelfen und wünsche mir, dass Vernunft in dieses Pflegesystem einziehen möge.

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