Die PEG-Sonde

Bis zum 19. Jahrhundert waren die Möglichkeiten, bei Menschen welche nicht mehr in der Lage waren genügend Nahrung zu sich zu nehmen, einen künstlichen Zugang zu legen, sehr schmerzhaft. Bereits im 12. Jahrhundert beschrieb ein arabischer Arzt, wie er mit Hilfe einer Silberkanüle einem an Speiseröhrenkrebs erkrankten Patienten Nahrung zuführte.
Im 16. Jahrhundert wurde Leder verwendet, und erst ab etwa 1800, nach Erfindung der Vulkanisation, konnten aus Gummi bestehende Sonden hergestellt werden, welche auch relativ flexibel waren.
1891 konnte auch erstmals ein Chirurg namens Witzel eine Sonde durch die Bauchdecke in den Magen legen, die sogenannte Witzel-Fistel. Entscheidende Verbesserungen brachten die Fortschritte in der Kunststoff- Industrie Anfang der 1950er Jahre. Nun wurden die Kunststoffsonden sehr weich, ließen sich gut über die Nase einführen und bewiesen eine sehr gute Langzeitverträglichkeit.
Zu Beginn der 1980er Jahre beschäftigten sich dann mehrere medizinische Arbeitsgruppen in den USA damit, eine einfache und komplikationsarme Methode zu finden, eine Sonde durch die Bauchdecke zu legen, um so Nahrung zuführen zu können. Der entscheidende Durchbruch gelang 1981: das Legen einer Magensonde durch die Bauchdecke mit Hilfe einer Magenspiegelung, die sogenannte PEG (perkutane endoskopische Gastrostomie).
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde außerdem, geleitet durch die Erkenntnisse über den Nährstoffbedarf des Menschen, erstmals sogenannte “Astronautenkost” hergestellt, welche optimal über Magensonden gegeben werden konnte. Heute wird von der Industrie ein breites Spektrum an Sondenkost angeboten. Durch die medizinischen und technischen Fortschritte ist die enterale (über den Magen-Darm-Trakt) Ernährung mit Hilfe einer PEG eine einfache Möglichkeit geworden, Patienten ausreichend Nahrung und Flüssigkeit zu verabreichen. Eine Ernährung über PEG ist sogar im häuslichen Bereich durchführbar.

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Nutzen für den Betroffenen

Wenn ein Patient auf normalen Wege nicht mehr ausreichend Nahrung zu sich nehmen kann, ist die PEG mit Sicherheit die beste Lösung, um ihn enteral (über den Magen-Darm-Trakt) zu ernähren.
Die PEG ist relativ einfach und komplikationslos zu legen und verursacht bei guter Pflege der Einstichstelle nur selten Probleme für den Patienten. Der Patient kann bereits wenige Stunden nach dem Legen der Sonde ernährt werden. Dadurch werden auch Schäden am Magen (Magengeschwür) und Darm (Zottenatrophie) vermieden. Wenn die Ernährung richtig verabreicht wird, die richtige Menge in der richtigen Zeit gewählt und richtige Handhabung der Sondennahrung gewährleistet ist, so kann ein Patient über einen beliebig langen Zeitraum in dieser Weise ernährt werden. Nach eingehender Schulung kann das Verabreichen der Nahrung auch ohne wesentliche Probleme zu Hause durchgeführt werden. Trotz einer PEG kann der Patient noch ganz normal essen und trinken, somit ist die PEG eine sinnvolle Ergänzung um den Nährstoffbedarf sicher zu stellen. Außerdem können Mangelernährungen durch hochwertige Sondennahrung ausgeglichen werden.
Sind die Angehörigen über den Umgang mit PEG aufgeklärt, können sie dem Patienten weiter die Fürsorge und Zuwendung durch persönliches Essen eingeben zukommen lassen. So bleibt der mit der Nahrungsaufnahme verbundene Genuss für den Patienten und der unmittelbare menschliche Kontakt erhalten. Wenn Demenzkranke zuhause versorgt werden, könnte auch die belastende Situation, die Angst, dass der Betroffene nicht ausreichend ist und trinkt, entspannen und im Einzelfall die häusliche Pflege erleichtern.

Schaden für den Betroffenen

peg_sonde

Künstlicher Ernährung bei Menschen mit Demenz hat wahrscheinlich nur in bestimmten Stadien der Erkrankung und auch nicht auf Dauer (siehe medizinische Indikation) einen Nutzen. Im schlechtesten Falle kann eine PEG-Sonde sogar das Leiden verstärken.
Unmenschlich ist eine PEG-Sonde bei einem Demenzkranken mit Sicherheit dann, wenn der Betroffene möglicherweise durch eine zeitintensivere Betreuung genügend essen und trinken würde, dies jedoch mit der weniger zeitaufwendigen künstlichen Ernährung ersetzt wird. Der sinnliche Aspekt der Ernährung für den Menschen geht verloren. Das Riechen und Schmecken der Nahrung, welches durch die künstliche Nahrung für den Demenzkranken nicht mehr erfahrbar ist, ist ein Verlust der Lebensqualität, der eigentlich durch kreative Methoden erhalten werden könnte. So geht ein Stück Lebensqualität zugunsten der physiologischen Überlebensfähigkeit verloren. Die elementare menschliche Begegnung wird durch eine “Maschine” ersetzt.

Ein lebensverlängernder Effekt durch die Ernährung über eine PEG-Sonde konnte bei Demenzkranken in Studien nie nachgewiesen werden. Auch eine zunehmende Pflegebedürftigkeit kann in der Regel durch die PEG-Sonde nicht vermieden werden. Die Pflegeabhängigkeit wird trotzdem zunehmen. Harn und Stuhlgang können nicht mehr kontrolliert werden, durch die immer stärker werdende Bewegungsunfähigkeit wächst die Gefahr von Druckgeschwüren, die Körperpflege muss vollständig übernommen werden. Weder die Mangelernährung noch das Verhindern einer Aspirationspneumonie kann in der Regel bei Menschen mit Demenz nicht verhindert werden. Zudem gibt es Hinweise, dass die normalerweise relativ einfache Methode des Legens einer PEG-Sonde, bei betagten Menschen ein erhöhtes Komplikationsrisiko aufweist.

Eine wissenschaftliche Bewertung über den Nutzen der künstlichen Ernährung finden sie in der Leitlinie der DGEM. Eine ethische Bewertung der Studien zur künstlichen Ernährung finden sie in dem Artikel von Synofzik. Die Studie zur Komplikationskationsrate von PEG-Neuanlagen bei geriatrischen Patienten wurden von Rainer Wirth durchgeführt.

Wenn folgende Aspekte berücksichtigt werden, kann eine künstliche Ernährung für einen Demenzkranken als Option in Betracht gezogen werden:

  • Wurden medizinische oder pflegerische Ursachen ausgeschlossen, welche das Verhalten erklären könnten?
  • Gibt es reversible Ursachen, welche im Sinne des Betroffenen behandelt werden könnten?
  • Wie ist die Prognose aufgrund vorliegender anderer Erkrankungen? Welche Ziele haben einen Nutzen für den Betroffenen und sind durch eine Sondenernährung realistisch erreichbar?
  • Ist zu erwarten, dass der Betroffene unter zu wenig Nahrung und Flüssigkeit leiden, beziehungsweise seine Lebensqualität beeinträchtigt wird? Sind Anzeichen von Hunger und Durst zu erkennen?
  • Welche weniger invasiven Möglichkeiten, stehen zur Verfügung, zum Beispiel s.c.-Infusionen versus PEG-Sonde zur Flüssigkeitszufuhr?
  • Wenn eine PEG-Sonde als mögliche Intervention angedacht ist sollten regelmäßige die Behandlungsziele mit der aktuellen Situation abgeglichen und überprüft werden. Deswegen sollten vorweg überprüfbare Kriterien definiert werden.
  • Gibt es antizipierte Willensäußerung, zum Beispiel in Form einer Patientenverfügung, in denen sich der Betroffene zu seinen Vorstellungen und Wünschen in dieser Situation geäußert hat?

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