Erfahrungsbericht

Meine Frau hat Pflegestufe drei und lebt seit vier Jahren in einem Pflegeheim in meiner unmittelbaren Nähe. Ich bin jeden Tag von 15 Uhr bis zum Schlafengehen bei ihr. Zu ihrem letzten Geburtstag (77) haben wir alle Verwandten und Bekannten eingeladen, weil wir der Meinung waren, es ist ihr letzter. Sie war in einem erbarmungswürdigen Zustand. Sprach seit einem Jahr keinen Ton mehr und erkannte weder ihre Kinder noch mich. Sie trank, über den Tag verteilt, einen Becher Wasser und nahm vielleicht noch einen Joghurt zu sich. Alle waren gegen eine PEG, weil das ja angeblich die letzte freie Willensentscheidung eines Menschen ist.

Sie aber schaute mich mit übergroßen Augen an. Was wollte sie mir sagen? „Willst du mich verhungern lassen?“

Ich habe ihr gegen alle Widerstände der Kinder eine Sonde legen lassen. Wenn ich jetzt abends nach Hause ging, war ich jedenfalls sicher, dass sie mir nicht verhungert oder verdurstet.

Doch dann ging es erst richtig los. Mehrmals am Tage Erbrechen.

Gegen alle Widerstände der Krankenkassen eine Nahrungspumpe angeschafft. Hat nix geholfen. Eine andere Pumpe angeschafft. Nächtelang im Heim übernachtet und die Nahrungsgabe überwacht. Und immer wieder Zweifel. Habe ich es richtig gemacht?

Langsam fanden wir einen Rhythmus und das Erbrechen hörte auf.

Vor etwa einem Monat saßen wir mit mehreren im Garten und die Pflegekräfte animierten die Bewohner zum Trinken. Auch ich hielt meiner Frau mit den Worten, die anderen trinken auch, ein Glas Wasser an die Lippen.

Plötzlich sagte meine Frau klar und deutlich, „Seit wann hörst du auf andere Leute?“

Mir ist vor Schreck das Glas aus der Hand gefallen und mir schossen die Tränen in die Augen.

Seit der Zeit geht es kontinuierlich aufwärts. Sie ist ansprechbar, antwortet auf die Fragen des Pflegepersonals und nimmt auch Fernsehsendungen wieder auf. Letztens sagte sie bei einer Tiersendung, „Hoffentlich frisst der [Löwe] den [Wärter] nicht auf.“

Ich bin im Nachhinein glücklich und ich fühle mich bestätigt, dass meine Entscheidung richtig war.

Horst Huxhage