Ausführungen eines Trittbrettfahrers

Was ist passiert? Pflegeheimbewohner Jürgen (es könnte auch Helga, Franz oder Charlotte sein) fotografiert seine angebotenen Mahlzeiten. Die Bilder schickt er zu einer “Bekannten” nach Österreich, die diese auf Facebook veröffentlicht. Die Bilder der Mahlzeiten bekommen in kürzester Zeit tausende von “Likes” und mediale Aufmerksamkeit. Es erscheinen Beiträge in regionalen und überregionalen Medien und fast ganz Deutschland ist geschockt. Währenddessen streikt die Pflege (#Pflegestreik auf Twitter) und will auf unzumutbare Misstände in den Krankenhäusern aufmerksam machen, haben sie es gemerkt? Irgendwas läuft falsch in diesem Land.

Der aufmüpfige Bewohner mit einem Ernährungsproblem

In einem Nürnberger Pflegeheim, den meisten ist die Einrichtung inzwischen bekannt, lebt Jürgen. Er hat offensichtlich Probleme mit seinem Gebiss und eine COPD ( chronic obstructive pulmonary disease). Menschen mit einer COPD sind prädestiniert für eine Kachexie.

Die Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom charakterisiert durch ungewollten Gewichtsverlust, Muskelatrophie, Müdigkeit, Schwäche und einem signifikanten Verlust an Appetit bei Koexistenz einer gering- bis mittelgradigen Inflammation (Valentini et al; 2013).

Eine Kachexie ist eine Folge der COPD und ist auch oft selbst mit hochkalorischer Kost nicht zu vermeiden. Symptome können sein (Drey, Kaiser; 2011):

  • Gewichtsverlust ≥ 5% in den letzten 12 Monaten oder
  • BMI < 20 kg/m2

und drei der folgenden Kriterien:

  • verminderte Muskelkraft
  • Erschöpfung
  • Anorexie
  • niedrige fettfreie Körpermasse
  • Laborveränderungen

Menschen mit einer Kachexie profitieren kaum von einer “Ernährungstherapie” (vgl. Drey, Kaiser; 2011, Seite 176) und schaffen es kaum wieder “Normalgewicht” zu erreichen. Trotzdem sollten diese Patienten selbstverständlich hochkalorische und vor allem schmackhafte Kost essen. Jürgen bekommt passierte, den Bildern nach zu urteilen, eher weiche Kost. Diese Kostform bekommt er offensichtlich nicht, weil er unter einer COPD oder Kachexie leidet, sondern weil ihm die Zähne fehlen oder nicht mehr passen. Liest man die Fachliteratur, am besten den Expertenstandard (Der Expertenstandard ist die wissenschaftliche Grundlage zum “Ernährungsmanagement” für alle Pflegefachkräfte in Deutschland, laut Gesetz), lernt jeder der daran interessiert ist, dass wenn es ein Ernährungsproblem gibt, zuerst die Ursachen für dieses Problem gefunden und behoben werden sollten (DNQP; 2009, Seite 31). Jeder der nicht ganz blind (Politiker neigen hier oft zur völligen Erblindung) für die Versorgungsprobleme in den Pflegeheimen ist, weiß wie problematisch es ist eine notwendige Zahnbehandlung für einen Pflegeheimbewohner zu bekommen.

Fragen:

  • Warum hat der Pflegeheimbewohner kein passendes Gebiss?
  • Hat das Pflegeheim, bzw. haben die Fachkräfte etwas unternommen, dass der Bewohner ein Gebiss bekommt mit dem er auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann?
  • Falls es einen Betreuer gibt, hat Dieser sich ausreichend dafür eingesetzt, dass sein Klient ein Gebiss bekommt mit dem er auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann?
  • Hat der zuständige Arzt sich darum gekümmert, dass sein Patient ein Gebiss bekommt mit dem er auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann?

Aus der Ferne betrachtet war die einfachste und günstigste Lösung: Jürgen bekommt passierte Kost.

Gelebtes Beschwerdemanagement

Weiche oder passierte Kost ist oft schwierig auch für das Auge appetitanregend darzustellen, aber es kann auch schmecken. Jürgen konnte anscheinend weder optisch noch gustatorisch gefallen an seinem angebotenen Essen finden. Leider gab es kein Bewertungsportal im Internet, wo er seinem Unmut hätte äußern können. Ob es ein gelebtes “Beschwerdemanagement” (Im Rahmen des Qualitätsmanagement müssen alle Pflegeeinrichtungen in Deutschland ein solches eingerichtet haben, zumindest auf dem Papier, was vom MDK und Heimaufsicht geprüft wird) in der Einrichtung gab oder gibt, da wird man von Bewohner und Heimleitung sicher unterschiedliche Aussagen bekommen. Dafür gibt es die Heimaufsicht und den Pflege-TÜV. Im Pflege-TÜV gibt es das Transparenzkriterium T50, welches lautet (MDS; 2014, Seite 83): Erfolgt eine nachweisliche Bearbeitung von Beschwerden?

Die nachweisliche Bearbeitung ist gegeben, wenn die stationäre Pflegeeinrichtung den Nachweis durch bearbeitete Beschwerden erbringt.

Wie der Name der Kriterien des Pflege-TÜV es vollmundig verspricht, sind die Kriterien transparent und von den obersten Aufsichtsbehörden überprüft. Die Bewertung T50 für die betroffene Einrichtung, man kann sie unter pflegelotse.de jederzeit einsehen, ist, wie nicht anders erwartet, “erfüllt”. Ob den Bewohnern das Essen schmeckt, wird auch bei den Qualitätsprüfungen abgefragt, es ist das Kriterium T70 und lautet lapidar: Schmeckt ihnen das Essen? Ohne hier darzustellen, ob den Bewohner in der betroffenen Einrichtung das Essen schmeckt, verweise ich an dieser Stelle auf die Ergebnisse und Zusammenfassung alle Pflege-TÜV-Prüfungen der letzten Jahren (Abbildung 1).

Ergebnisse der Bewohnerbefragungen in den stationären Pflegeeinrichtungen zu den Kriterien des Pflege-TÜV

(Abbildung 1) Ergebnisse der Bewohnerbefragungen in den stationären Pflegeeinrichtungen zu den Kriterien des Pflege-TÜV

Ein Zusammenhang zwischen der Versorgungsqualität auf der einen Seite und der Zufriedenheit der Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen auf der anderen Seite kann nicht ohne weiteres hergestellt werden. Auf die methodischen Gründe (sozial erwünschtes Antwortverhalten, Abhängigkeitsverhältnis, Generationenfrage) wurde in den vorangegangenen Pflege-Qualitätsberichten wiederholt hingewiesen (MDS; 2014, Seite 37).

Offensichtlich gehört Jürgen zu den 0,5% der Bewohner in deutschen Pflegeheimen, die selbst mit dem leckersten Essen nicht zufrieden zu stellen sind.

Anscheinend verzweifelt über seine Situation sucht der Rentner nach einer Lösung für seinen kulinarischen Notstand. Irgendjemanden muss Jürgen von seinem Problem erzählt haben und ohne Details zu kennen, er muss kein Gehör für sein Problem gefunden haben. Lediglich eine “Bekannte” in Österreich nahm ihn scheinbar ernst, Beschwerdemanagement auf Umwegen.

Fragen:

  • Warum hat das offensichtlich vorhandene Beschwerdemanagement, obwohl “staatlich geprüft”, nicht funktioniert?
  • Ist Jürgen ein Querulant oder ist die “Kommunikation” in der Pflegeeinrichtung verbesserungswürdig?
  • Falls es einen Betreuer gab, hat dieser für die Wünsche und Sorgen seines Bewohner sich genügend eingesetzt?
  • Was prüfen Heimaufsicht und MDK bei Ihren Prüfungen in der stationären Pflege?

Eine Facebook-Seite wird angelegt und wieder revidiert

passierte Kost

Bild von der Facebook-Seite “Jürgen fotografiert sein – Residenz Seniorenheim”

Wie die Bilder von Jürgen letztendlich in Facebook gelangen, weiß man zum heutigen Zeitpunkt als Außenstehender, wenn man die Medien verfolgt, nicht mehr so wirklich. Was sehr wahrscheinlich stimmt ist, dass die Facebook-Seite “Jürgen fotografiert sein Essen – Residenz Seniorenheim” die Bekannte, evtl. sind es sogar mehrere Admins, administriert und ihr wurden irgendwie diese Bilder zugesandt.

Obwohl Rentner Jürgen nichts anderes gemacht hat, was Millionen von Menschen täglich auf der ganzen Welt tun, ihr Essen fotografieren, ins Internet stellen und kommentieren, war es bei ihm ein Skandal. Er hat ein Essen in einem deutschen Pflegeheim fotografiert und kommentiert. Er hätte wissen müssen, dass Transparenz in deutschen Pflegeheimen gesetzlich geregelt ist (ich hoffe jeder erkennt den ironischen Unterton in diesem Textabschnitt). Inzwischen wurde am 02.07.2015 gemeldet, dass Jürgen sich von dieser Internetseite distanziert. Es stehen Gerüchte im Raum er müsse sich eine neue “Bleibe” suchen und er hat nun Ärger von allen Seiten. Inzwischen wurde die Facebook-Seite unbenannt in: “Wir fotografieren unser Essen – Residenz Seniorenheim/Krankenhaus”

Ich fasse zusammen:

  • Rentner schmeckt das Essen nicht.
  • Er postet es auf Facebook.
  • Er muss um seine Existenz bangen.
  • Meinungsfreiheit von Senioren in Deutschland im Jahre 2015 ist nicht vorhanden.

Fragen:

  • Warum dürfen Pflegeheimbewohner sich nicht über “Social Media” über ihr Essen beschweren?
  • Was sagt die Rechtsprechung dazu?
  • Will man mit diesen Drohgebärden eine zukünftige Generation von Senioren “mundtot” machen?
  • Lässt sich eine Generation von Senioren, die zunehmend moderne Kommunikationsformen nutzen wird, sich dies verbieten?

Der skandalisierte Medien-Hype und der ignorierte Pflegestreik

Das Essen von Jürgen wird zum Medien-Spektakel. Die Medien haben wieder einen publikumswirksamen “Pflege-Skandal”. Von allen Seiten stürzen sie sich auf den Rentner und wollen noch mehr von dem “Skandal-Essen” erfahren. Wie immer, vorne dran die BILD-Zeitung, bekannt für seriöse und ausgewogene Berichterstattung. Auf Facebook geben schon die ersten Bürger öffentlich bekannt, dass sie sich suizidieren wollen, bevor sie in eine Pflegeeinrichtung gehen und sogar von “aktiver Sterbehilfe” wird gesprochen. Selbst Anhänger von PEGIDA benutzen den Rentner für ihre Propaganda und auf der Facebookseite distanziert man sich mit aller Deutlichkeit von rechtsradikalen Äußerungen. Es eskaliert und der Rentner Jürgen bekommt offensichtlich richtig Ärger. Während jeder Bürger in diesem Land in ein Restaurant seiner Wahl gehen kann und sein angebotenes Essen fotografieren und dann eine Bewertung über die entsprechende Plattformen im Internet abgeben kann (hier nur ein Beispiel auf Facebook), darf der Pflegeheimbewohner das nicht. Seine Transpararenz übernimmt der Staat in Form des SGB XI. Der Pflege-TÜV macht alle Probleme in den Pflegeheimen transparent.

Der Pflegeheim-Betreiber entsendet seinen “Kommunikations-Experten”, der sofort klar stellt: alles Lüge. Tja, die Zeiten sind schnelllebig und Shit-Storm-Management ist bei Pflegeheim-Betreibern noch nicht angekommen. Man nutzt das Internet nur für die Darstellung von glücklichen Senioren und gefühlsduseligen Leitbildern, die unterhalb der Pflegedienstleitungsebene kein Mitarbeiter mehr ernst nimmt. Ein gefundenes “Fressen” für die Medien und man kann die Story sogar noch ein paar Tage länger ausreizen. Das gibt Traffic und “Likes”, nur dem Rentner wird es langsam Angst und Bange. Laut Gerüchten muss er jetzt das Heim verlassen oder hat er doch noch eine “Gnadenfrist”?

Zur gleichen Zeit streiken die Pflegekräfte an der Charite Berlin und in vielen Krankenhäusern in Deutschland, auch in Nürnberg (Notiz am Rande: Erstaunlich, dass norbayern.de über den Streik am Klinikum Nürnberg nicht berichtet hat). Haben sie es bemerkt? Nur marginal nehmen die Medien davon Notiz, obwohl Pflegekräfte versuchen deutlich zu machen: “Wir können nicht mehr?” Die Facebook-Seite “Solidarität mit dem Charite-Streik” hat 202 “Likes”, die Seite “ver.di Charité Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus” immerhin 5468 “Likes”, die Seite “Jürgen fotografiert sein Essen – Residenz Seniorenheim” hat stolze 33.995 “Likes” (Stand 05.07.2015). Obwohl ich, das gebe ich unverfroren zu, eine gewisse Sympathie für die Aktion von Jürgen oder seiner Bekannten (inzwischen weiß man ja nicht mehr, wer der eigentliche Initiator für diese Aktion war) empfinde, als ehemalige Pflegefachkraft ist man dennoch unendlich frustriert. Wieso wird man in diesem Land von Medien nur ernst genommen, wenn man von Skandalen berichtet aber nicht wenn Pflegekräfte ihre Rechte für eine menschenwürdige Pflege einfordern. Facebook offenbart anscheinend die Wahrheit. Wenn die Züge nicht kommen, weil Lokführer mehr Lohn und Freizeit wollen, diskutiert und empört sich ganz Deutschland. Wenn unsere Post nicht kommt, weil Briefträger mehr Lohn und Freizeit wollen, diskutiert und empört sich ganz Deutschland. Wenn unsere “Senioren” länger in der Scheiße liegen, weil es nicht mehr ausreichend Pflegekräfte in den Krankenhäusern gibt und Pflegekräfte auf die Straße gehen, nicht für mehr Lohn und Freizeit, sondern für mehr Personal und für eine menschenwürdige Pflege, diskutiert und empört sich darüber in Deutschland “keine alte Sau”.

Bis zum 29.06.2015 gab es nicht mal genügend Suchanfragen, damit Google den Begriff “Pflegestreik” werten konnte. Am 01.07.2015 und 09.07.2015 war der Höhepunkt mit 100 Suchanfragen, der bis zum heutigen Tage wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Eine Auswahl an Medienberichten:

Fragen:

  • Wollen die Bürger die Pflege in Deutschland verbessern oder ist es die Kultur in diesem Land sich ständig an Skandale zu echauffieren nur damit man sich auch mal aufgeregt hat?
  • Ist das einzige Interesse von Journalisten Traffic zu generieren, auch auf Kosten ihrer hochstilisierten Helden, die sie dann, wenn es keinen mehr interessiert, schnell wieder fallen lassen?
  • Wird man in diesem Land jemals bereit dafür sein mehr Geld für professionelle Pflege zu bezahlen?

Versorgungsqualität in deutschen Pflegeheimen, was ist bekannt?

Und doch gäbe es genug zu diskutieren, über das eigentlich Problem. Sie sehen in dem YouTube-Film ein Portrait über Markus Biedermann, dem sicher bekanntesten Heimkoch in der Szene. Es stellt dar, was einen guten Heimkoch auszeichnet.

Nachdem die Pflegeeinrichtung mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit begonnen hat, wird in jedem Artikel und auch von Jürgen betont, dass passierte Kost eben nicht lecker aussehen kann aber trotzdem schmecken würde. Ein Blick auf das obere Bild genügt und ohne es zu probieren: Es schmeckt eben nicht, weil passierte Kost nicht so aussehen muss und das Auge mit isst!.

Smooth Gulasch

Fotografie von Raps GmbH, Austria auf smoothfood.de

Mann kann auch passierte Kost sehr schmackhaft anrichten, wie auf dem Bild am Beispiel eines Gulasch-Gerichtes zu erkennen ist. Diese Bilder sind sicher präpariert und man kennt es auch von anderen Restaurants, in der Realität schauen die Gerichte nicht mehr ganz so lecker aus. Doch ein farbloses Einheitsbrei, das muss nicht sein.

Doch wie ist die Realität? Gerade in Bayern dem Bundesland, in dem unter weiß-blauen Himmel die Welt noch in Ordnung ist, gibt es sogar ein Kompetenzzentrum für Ernährung “KErn” im Ressort des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Dieses Kompetenzentrum vergibt regelmäßig Preise für die besten Verpflegungskonzepte in bayerischen Pflegeheimen. Man feiert sich selbst. Doch hierzu später mehr.

Pflege-TÜV Bereich Verpflegung

(Abbildung 2)

Wieder lohnt sich auch an dieser Stelle ein Blick in die Ergebnisse des Pflege-TÜV (Abbildung 2). Von den 14 Kriterien, sechs davon sind Transparenzkriterien (gekennzeichnet mit T), war das schlechteste Kriterium die Frage: “Orientieren sich die Portionsgrößen an den individuellen Wünschen des Bewohner?”. Es konnten nur 98,1% der Einrichtungen dieses Kriterium erfüllen. Ansonsten lag der Anteil der Einrichtungen, die die Kriterien der Qualitätsprüfungen erfüllen konnten zwischen 98,2% bis 99,9%.

Nahezu alle stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland haben im Bereich Verpflegung die Note 1,0.

Jürgen fotografiert sein Essen-Ein bedauerlicher Einzelfall?

Der Fall Jürgen muss ein bedauerlicher Einzelfall sein oder doch nicht?

Es gibt in Deutschland selbstverständlich auch einen Qualitätsstandard für die Verpflegung in Senioreneinrichtungen von der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Dort beginnt auf Seite 23 das Kapitel “Kostformen bei Kau- und Schluckstörungen”. Folgende Kriterien müssen diese Kostform erfüllen (DGE; 2014, Seite 24):

  • Die geeignete Kostform ist abhängig von der vorliegenden Störung und individuell mit dem behandelnden Arzt oder dem Ernährungsteam abgesprochen.
  • Bei Schluckstörungen werden weiche Speisen mit möglichst einheitlicher Konsistenz angeboten.
  • Es ist meist nicht notwendig ausschließlich püriertes Essen anzubieten.
  • Die Mahlzeiten werden aus dem täglichen Speisenangebot hergestellt.
  • Mehrere kleine Portionen werden über den Tagverteilt angeboten.
  • Auch bei pürierter Kost sind die einzelnen Komponenten erkennbar. Diese sind durch Verwendung von Formen oder Spritzbeuteln mit verschiedenen Tüllen optisch ansprechend angerichtet.

“Auf eine appetitliche Darreichung, besonders auch beim Frühstück und Abendbrot, wird geachtet” (ebd.). Beim Betrachten der Ergebnisse des Pflege-TÜV könnte man fast glauben, dass jede Pflegeeinrichtung in Deutschland bei einem geschätzten Tagesbudget von 4€:

  1. für alle Bewohner mindestens drei verschiedene Gerichte anbietet,
  2. spezielle Diäten anbietet,
  3. individuelle Wunschkost anbietet,
  4. bedarfsgerechte Speisen für Bewohner mit Demenz anbietet,
  5. die Darbietung von Speisen und Getränken an den individuellen Fähigkeiten der Bewohner orientiert (z. B. wird die Nahrung nur bei tatsächlicher Notwendigkeit klein geschnitten oder als passierte Kost serviert?),
  6. ein bedarfsgerechtes Speisenangebot für Bewohner mit Schluckstörungen anbietet,
  7. die Portionsgrößen sich an den individuellen Wünschen der Bewohner orientieren
  8. und die Speisen und Getränke in für die Bewohner angenehmen Räumlichkeiten und entspannter Atmosphäre angeboten werden.

Die Verpflegung der Seniorenheimbewohner ist in Deutschland nahezu perfekt und gnadenlos effizient.

Doch nochmal zurück zu “KErn”, ein Kompetenzzentrum was offensichtlich keiner braucht. Gut ist vielleicht nicht gut genug in Bayern. So prämiert man regelmäßige innovative Verpflegungskonzepte, um den “Gesundheitsaspekt” der Ernährung auch den Pflegeheimbewohner näher zu bringen, ob sie wollen oder nicht. Der Preisträger wird werbewirksam in den lokalen Zeitungen abgebildet. In den Berichten findet man jedoch keinen kritischen Zwischenton, obwohl das Publikum, zumindest auf der Veranstaltung 2012 (ich war dabei) immer wieder kritische Fragen stellte. So antwortete der Gewinner-Heimkoch auf die Frage, wie er mit dem angesprochenen Budget täglich kalkulieren kann sehr pragmatisch. Ich zitiere sinngemäß: “Er benötigt keine teuren und verschiedenen Lebensmittel, da die Senioren im Krieg auch kaum Lebensmittel hatten und somit die geringe Auswahl gewohnt sind.” Gelebte Biografiearbeit. Den dritten Preis gewann ein Pflegeheim aus München. Einmal im Monat bereitete der Heimkoch Rühreier im Speisesaal vor: Ein kulinarisches Großereignis. Man munkelte das Pflegeheim musste gewinnen, da es keine weiteren Teilnehmer aus München gab. Nachdem die Veranstaltung im Herzen von Bayern, in München, statt fand, brauchte es auch einen Preisträger aus der Landeshauptstadt. Da reicht auch einmal im Monat Rührei, Weißwurst wäre zu teuer. Die kritischen Stimmen und Fragen auf dieser Veranstaltung, sie verhallten in der Bedeutungslosigkeit.

So bemerkten Anwesende und Referenten z. B.,

  • dass mit den vorhandenen Budgets nicht allen Bewohnern ein bedarfsgerechtes Essen angeboten werden kann.
  • dass es kaum motivierte Heimköche gäbe und viel, obwohl unqualifiziert, umgeschult werden,
  • dass es kaum genügend Personal gibt, das Zeit genug hat in Ruhe das Essen auszugeben geschweige denn beim Essen zu unterstützen.
  • dass die Speisen oft nicht in der Einrichtung selbst zubereitet werden und zu lange warm gehalten werden müssen.

Offiziell gibt es diese Probleme gar nicht und unser Rentner Jürgen ist einfach nur ein schwieriger und kranker Mensch, der mit nichts zufrieden ist (Das ist nicht die Meinung des Autors).

Literatur:

DGE (2014): DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in stationären Senioreneinrichtungen. 3. Aufl.
DNQP (2009): Expertenstandard Ernährungsmanagement zur Sicherstelllung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege. Osnabrück: Schriftenreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege.
Drey, M.; Kaiser, M. J. (2011): Mangelernährung im Alter. In: Dtsch med Wochenschr 136 (05), S. 176-178.
MDS (2014): 4. Pflege-Qualitätsbericht des MDS nach § 114a Abs. 6 SGB XI. Qualität in der ambulanten und stationären Pflege. Köln.
MDS (2014): Qualitätsprüfungs-Richtlinien – Transparenzvereinbarung. Grundlagen der Qualitätsprüfungen nach den §§ 114 ff SGB XI in der stationären Pflege. Köln.
Valentini, L.; Volkert, D.; Schütz, T.; Ockenga, J.; Pirlich, M.; Druml, W. et al. (2013): Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM). DGEM-Terminologie in der Klinischen Ernährung. In: Aktuel Ernahrungsmed 38 (02), S. 97-111.