Teil 1: Die Schreckensvision der Presse

Es gibt in den letzten Jahren immer wieder Initiativen gegen Mangelernährung bei pflegebedürftige Menschen. Verfolgt man seit Jahren die “Ernährungsszene” (Ernährungsmafia wäre nicht neutral) rund um die gebrechlichen Senioren, wundere ich mich, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Auch die Interpretationsvielfalt der Experten und die einseitigen Methoden der Wissenschaftler erwecken oft Erstaunen. Während so mancher Mediziner am liebsten jeden gebrechlichen Menschen jegliche therapiefähigkeit absprechen will, weil man halt im Alter “weniger isst”, verkünden die Ernährungsexperten: Trinkt täglich Trinknahrung und ihr werdet, trotz multimorbidität, noch lange dick sein, einen guten BMI aufweisen und nicht so schnell sterben. Doch bei all dem “Wirrwarr” an Informationen und Meinungen, was stimmt wirklich?

Ich werde in dieser Serie die Meldungen der Presse, der Industrie, der Wissenschaft und des Pflege-TÜV’s darstellen und vergleichen. Im ersten Teil stelle ich ihnen einzelne Artikel der Presse aus den letzten Jahren vor. Im zweiten Teil, erfahren sie mehr über die Zahlen, die von der Industrie verkündet werden und wie sie ihre Produkte kreativ in den Einrichtungen präsentieren. Im dritten Teil erkläre ich ihnen die wichtigsten Studien und deren Ergebnisse zur Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen und im letzten Teil vergleiche ich die Zahlen mit den Pflegenoten des Pflege-TÜV’s. Zum Abschluss werde ich versuchen die Zahlen realistisch zu interpretieren.

Die Bild-Zeitung

Bild Pflege Schande

Bild Zeitung titelt Pflege-Schande

Vor gar nicht all zu langer Zeit berichtete die Bildzeitung exclusiv als erste Zeitung: “Die Pflege-Schande! Jeder 3. bekommt nicht genug zu Essen.” Das war im August 2007, einen Tag nach der Veröffentlichung des 2. Qualitätsberichts des MDS. Die Bürger geschockt, die Pflegekräfte frustriert und die Industrie jubelt. Was war passiert? Die “Pflegeexperten” der Bild-Zeitung haben folgenden Satz auf der Seite 66 des MDS-Berichtes interpretiert: “Bei 34,4 % der Personen wurden Mängel festgestellt. Auch hier sind diese Mängel nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation. Vielmehr ist auch hier davon auszugehen, dass wichtige Probleme nicht erkannt oder dass erforderliche Maßnahmen nicht ergriffen wurden.” Die Qualitätsprüfungen wurden damals noch nicht nach den Kriterien des Pflege-TÜV’s durchgeführt, sondern es wurden die Dokumentationen daraufhin kontrolliert, inwieweit der Pflegeprozess korrekt erfasst und vor allem ausführlich genug dokumentiert wurde. Auch damals schon wurde nur bewertet, ob die Pflegekräfte eine logische Pflegeplanung schreiben konnten und alle brav die alte “Grundsatzstellungnahme zur Ernährung und Flüssigkeitsversorgung des MDS” (als Download nicht mehr erhältlich) korrekt kopiert hatten. War der BMI zu niedrig mussten Ernährungspläne und Kalorienberechnungen her. Der Bewohner interessierte schon damals sehr wenig. Das Fazit der Bild-Zeitung hätte lauten müssen: Bei jedem dritten Bewohner wurde die Dokumentation nicht korrekt geführt und es waren keine adäquate Maßnahmen schriftlich nachweisbar. Mit so einem Satz schockt man niemanden.

Internet

Stöbert man etwas im Internet und sucht nach den Meldungen in den letzen Jahren mit den Begriffen “Mangelernährung” und “Pflegeheim”, wird einem das ganze Ausmaß dieser Mangelernährungs-Seuche erst so richtig bewusst. So meldet T-Online am 05.04.2013 “Millionen Senioren sind mangelernährt”. Von 19,4 Millionen über 60 jährige sind 1,6 Millionen offensichtlich mangelernährt. Diese Meldung basiert auf einen Ernährungsbericht der DGE, allerdings im häuslichen Bereich. Mit so interessanten Ergebnisse, wie dass die Pflegebedürftigkeit mit der Pflegestufe ansteigt (das nur nebenbei). Somit hat man bei angeblichen 1,6 Millionen mangelernährten Senioren auf die zwei aufgerundet, somit wurden es “Millionen”, eine Meldung wie sie zu Zeiten der spanischen Grippe nicht schlimmer hätte klingen könne; Pandemische Apokalypse. 330 000 Pflegeheimbewohner hat man auch gleich in die Berechnungen einbezogen und am Ende sind es dann doch immerhin über 10%, exakt 12,1%, der Senioren, die eventuell eine Mangelernährung haben könnten. Das wäre die treffendere Überschrift gewesen, klingt jedoch auch wieder nicht so dramatisch.

Noch eine Schreckensmeldung?

Private Kliniken

Hier noch eine sehr interessante Meldung des professionellen aber statistisch nicht sehr versierten Ernährungsteams der Helios-Kliniken, bekannt für ihr wirtschaftliches Desinteresse: “Das Problem werde unterschätzt: “Wir gehen davon aus, dass jeder fünfte Europäer das Risiko einer Mangelernährung hat. Wir liegen mit 30 bis 35 Prozent der Patienten im Mittel. Es gibt Einrichtungen, vor allem in Pflegeheimen, wo die Rate bis 60 Prozent betragen kann.” Das ist richtig eine Rate kann auch mal 60% betragen, in einem Hospiz wäre das sogar fast normal. Man möchte gar nicht wissen, welche Einrichtungen die Experten da kennen. Man kann nur hoffen, dass in Zeiten der DRG’s die Diagnose “Mangelernährung” sich nicht gewinnbringend auf den Erlös der Kliniken auswirkt und so die Quote anschwellen lässt. Ernährungsteams müssen finanziert werden, Sponsoring reicht nicht aus.

Jetzt wird es paradox – immer mehr Pflegeheimbewohner mit Adipositas

Meldung fettleibige Heimbewohner

Artikel aus der NN vom 29.04.2009

Verstörend wirkt dann schon wieder jene Meldung aus einer Nürnberger Lokal-Zeitung, basierend auf einer Studie, die ich noch näher vorstellen werde: “Jeder vierte Heimbewohner ist fettleibig.”

Es folgt ein kurzes, dramatisches Zwischenfazit der Pressemitteilungen:

  • Jeder dritte Bewohner in den Pflegeheimen bekommt nicht genug zu Essen.
  • Millionen Senioren sind mangelernährt.
  • In Pflegeheimen kann die Rate an mangelernährten Bewohnern bis zu 60% betragen.
  • Hoppla, jeder Vierte ist zu dick
Ausmaß der Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen - Presse

Ausmaß der Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen – Presse