Mangelernährung in Pflegeheimen: Jeder zweite oder zwei von Hundert? Teil 2

Teil 2: Wissenschaft sponsored by …

Im ersten Teil meiner Serie Mangelernährung in Pflegeheimen habe ich Presseartikel vorgestellt, die Mangelernährung bei Senioren und pflegebedürftigen Menschen thematisieren und Informationen reißerisch darstellen. Es stellt sich konsequenterweise die Frage, wie kann den vielen Betroffenen geholfen werden? Die Industrie hat hierzu eine klare Antwort: Trinknahrung. Je mehr Mangelernährung unter Senioren grassiert, umso mehr Umsatz. Trinknahrung hilft, es fragt sich nur wem?

Das Lieblingsstudienobjekt angehender Ernährungswissenschaftler: Die Trinknahrung

Indikation für Trinknahrung nach DGEM
Abbildung 1: Indikation von Trinknahrung bei Senioren nach den Leitlinien der DGEM

Bevor ich ihnen im dritten Teil der Serie Zahlenspiele der Industrie zum Ausmaß von Mangelernährung in deutschen Pflegeeinrichtungen vorstelle, erläutere ich zuvor in diesem Teil die Leitlinie, die einen Nutzen von Trinknahrung belegen soll.
Zunächst beeindruckt die Tatsache, dass in den letzten 25 Jahren mehr als 60 randomisiert-kontrollierte Studien durchgeführt wurden, die die Effekte von Trinknahrung bei älteren Menschen untersucht haben. Die Anzahl der Studien zur Verbesserung des Ernährungszustandes, wenn ausreichend Pflegepersonal anwesend ist, geht gegen Null. Erstaunlich wie viel Geld ausgegeben wird und vor allem: Wer hat all diese Studien finanziert? Selbstverständlich wissen alle Experten, dass der Nutzen einer Trinknahrung sich nur sehr schwierig nachweisen lässt, da der Ernährungszustand von vielen Faktoren beeinflusst wird, die sich in einer Studie nur schwer isolieren lassen. Doch man scheut keine Kosten und Mühen, um viele viele Studien durchzuführen, mal mit mehr, mal mit weniger überzeugenden Ergebnissen: Quantität vor Qualität. Bei vielen Fragestellungen, bei denen eine Studie einen Nutzen von Trinknahrung nachweist findet sich auch wieder eine Studie, die einen Nutzen nicht bestätigen kann. So wird eine Cochrane-Studie von Milne et al sehr gerne in der Leitlinie zitiert, die alle Studien zur Effektivität von Trinknahrung analysiert und zusammenfasst. Deren wichtigsten Ergebnisse, wie sie in der Leitlinie zitiert werden, sind:

  • Bei 3058 älteren Teilnehmern konnte eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 2.2% erzielt werden. So hat jemand der vorher (Zeitraum unbekannt) 60 kg gewogen hat eine gute Chance dank Trinknahrung mal irgendwann 61.2 kg zu wiegen. Eine Schwankungsbreite, die auch bei mir an manchen Tagen auftritt (Kurze Anmerkung des Autors)
  • Auch der Armmuskelumfang (eigentlich ist es der Oberarmumfang, mit “Muskel” klingt es überzeugender) hat bei 1382 Probanden im Schnitt um 1,2 % zugenommen. Hat jemand zuvor 25 cm Oberarmumfang, schwillt dieser, dank Trinknahrung, irgendwann vielleicht auf 25.3 cm an. Schwarzenegger hätte sich damals mit so einem Zuwachs sicher nicht zufrieden gegeben, doch immerhin.
  • Bezüglich der Komplikationsreduzierung durch Supplementierung von Trinknahrung ist man ganz knapp am Zufall vorbei, dank des Relativen Risikos von 0.86 (Entscheidend ist immer das Konfidenzintervall, das nicht die 1 beinhalten darf, sonst ist das Ergebnis zufällig, das liegt hier bei 0.75-0.99, zum Glück gerade noch signifikant. Leider kennen Ernährungswissenschaftler meist nur die Bedeutung von Signifikanz und nur selten die Bedeutung von Relevanz.
  • Eine Verbesserung der Handkraft konnte nicht festgestellt werden.
  • Eine Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit konnte nicht festgestellt werden.
  • Kein lebensverlängernder Effekt bei allen Senioren mit einem Risiko für Mangelernährung und einer Mangelernährung. Allerdings bei ausschließlich mangelernährten Probanden ist man wieder knapp am Zufall vorbeigeschrammt. Hier ergab sich bei 2466 älteren Probanden ein relatives Risiko von 0.78 bei einem Konfidenzintervall 0.64 bis 0.97

Ein Satz auf Seite 8 in der Leitlinie erstaunt dann doch wieder den Realisten: ” Außerdem wurden in vielen Studien schwer mangelernährte Patienten, die sicher am meisten profitieren, aus ethischen Gründen ausgeschlossen.” Der Tod ist für Ernährungswissenschaftler nicht existent.

Euphemistisch dargestellter Nutzen von Trinknahrung

Natürliche Trinknahrung
Trinknahrung ohne künstliche Nährstoffe emoji / photocase.de

Unmengen an Studien von aufstrebenden Ernährungswissenschaftlern und doch fehlt ein richtiger Nachweis. Aber die Investitionen müssen sich lohnen, so kommt die DGEM, wie in Abbildung 1 dargestellt, zu einem trotzdem sehr eindeutigen Ergebnis: Alle alten Menschen die nicht mehr so gut essen, sollten alle Trinknahrung bekommen. Dank Sponsoring waren sich alle Wissenschaftler einig. Deswegen werden auch keine Kosten und Mühen gescheut, um seitens der Industrie noch mit Kosteneffizienz und Budgetrelevanz-Studien aufzuwarten. Zwar keine davon in Deutschland, aber auch das nimmt man nicht so genau. Würde man so viel Geld in die Pflege investieren, es gäbe wahrscheinlich weniger mangelernährte Senioren in Deutschland. Doch das bleibt nur eine naive Behauptung, Studien fehlen. Mit Pflegekräfte lässt sich kein Gewinn erzielen. Sie erzeugen Kosten und man kann sie nicht verkaufen. Sie erzeugen nur Humanität, die sich leider nicht messen lässt.

Mangelernährung in Pflegeheimen: Jeder zweite oder zwei von Hundert? Teil 1

Vergleich Cochrane und DGEM
Vergleich der Ergebnisse des Cochrane Studie und der DGEM Leitlinie mit Empfehlung

Mangelernährung in Pflegeheimen: Jeder zweite oder zwei von Hundert? Teil 1

Teil 1: Die Schreckensvision der Presse

Es gibt in den letzten Jahren immer wieder Initiativen gegen Mangelernährung bei pflegebedürftige Menschen. Verfolgt man seit Jahren die “Ernährungsszene” (Ernährungsmafia wäre nicht neutral) rund um die gebrechlichen Senioren, wundere ich mich, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Auch die Interpretationsvielfalt der Experten und die einseitigen Methoden der Wissenschaftler erwecken oft Erstaunen. Während so mancher Mediziner am liebsten jeden gebrechlichen Menschen jegliche therapiefähigkeit absprechen will, weil man halt im Alter “weniger isst”, verkünden die Ernährungsexperten: Trinkt täglich Trinknahrung und ihr werdet, trotz multimorbidität, noch lange dick sein, einen guten BMI aufweisen und nicht so schnell sterben. Doch bei all dem “Wirrwarr” an Informationen und Meinungen, was stimmt wirklich?
Ich werde in dieser Serie die Meldungen der Presse, der Industrie, der Wissenschaft und des Pflege-TÜV’s darstellen und vergleichen. Im ersten Teil stelle ich ihnen einzelne Artikel der Presse aus den letzten Jahren vor. Im zweiten Teil, erfahren sie mehr über die Zahlen, die von der Industrie verkündet werden und wie sie ihre Produkte kreativ in den Einrichtungen präsentieren. Im dritten Teil erkläre ich ihnen die wichtigsten Studien und deren Ergebnisse zur Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen und im letzten Teil vergleiche ich die Zahlen mit den Pflegenoten des Pflege-TÜV’s. Zum Abschluss werde ich versuchen die Zahlen realistisch zu interpretieren.

Die Bild-Zeitung

Bild Pflege Schande
Bild Zeitung titelt Pflege-Schande

Vor gar nicht all zu langer Zeit berichtete die Bildzeitung exclusiv als erste Zeitung: “Die Pflege-Schande! Jeder 3. bekommt nicht genug zu Essen.” Das war im August 2007, einen Tag nach der Veröffentlichung des 2. Qualitätsberichts des MDS. Die Bürger geschockt, die Pflegekräfte frustriert und die Industrie jubelt. Was war passiert? Die “Pflegeexperten” der Bild-Zeitung haben folgenden Satz auf der Seite 66 des MDS-Berichtes interpretiert: “Bei 34,4 % der Personen wurden Mängel festgestellt. Auch hier sind diese Mängel nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation. Vielmehr ist auch hier davon auszugehen, dass wichtige Probleme nicht erkannt oder dass erforderliche Maßnahmen nicht ergriffen wurden.” Die Qualitätsprüfungen wurden damals noch nicht nach den Kriterien des Pflege-TÜV’s durchgeführt, sondern es wurden die Dokumentationen daraufhin kontrolliert, inwieweit der Pflegeprozess korrekt erfasst und vor allem ausführlich genug dokumentiert wurde. Auch damals schon wurde nur bewertet, ob die Pflegekräfte eine logische Pflegeplanung schreiben konnten und alle brav die alte “Grundsatzstellungnahme zur Ernährung und Flüssigkeitsversorgung des MDS” (als Download nicht mehr erhältlich) korrekt kopiert hatten. War der BMI zu niedrig mussten Ernährungspläne und Kalorienberechnungen her. Der Bewohner interessierte schon damals sehr wenig. Das Fazit der Bild-Zeitung hätte lauten müssen: Bei jedem dritten Bewohner wurde die Dokumentation nicht korrekt geführt und es waren keine adäquate Maßnahmen schriftlich nachweisbar. Mit so einem Satz schockt man niemanden.

Internet

Stöbert man etwas im Internet und sucht nach den Meldungen in den letzen Jahren mit den Begriffen “Mangelernährung” und “Pflegeheim”, wird einem das ganze Ausmaß dieser Mangelernährungs-Seuche erst so richtig bewusst. So meldet T-Online am 05.04.2013 “Millionen Senioren sind mangelernährt”. Von 19,4 Millionen über 60 jährige sind 1,6 Millionen offensichtlich mangelernährt. Diese Meldung basiert auf einen Ernährungsbericht der DGE, allerdings im häuslichen Bereich. Mit so interessanten Ergebnisse, wie dass die Pflegebedürftigkeit mit der Pflegestufe ansteigt (das nur nebenbei). Somit hat man bei angeblichen 1,6 Millionen mangelernährten Senioren auf die zwei aufgerundet, somit wurden es “Millionen”, eine Meldung wie sie zu Zeiten der spanischen Grippe nicht schlimmer hätte klingen könne; Pandemische Apokalypse. 330 000 Pflegeheimbewohner hat man auch gleich in die Berechnungen einbezogen und am Ende sind es dann doch immerhin über 10%, exakt 12,1%, der Senioren, die eventuell eine Mangelernährung haben könnten. Das wäre die treffendere Überschrift gewesen, klingt jedoch auch wieder nicht so dramatisch.
Noch eine Schreckensmeldung?

Private Kliniken

Hier noch eine sehr interessante Meldung des professionellen aber statistisch nicht sehr versierten Ernährungsteams der Helios-Kliniken, bekannt für ihr wirtschaftliches Desinteresse: “Das Problem werde unterschätzt: “Wir gehen davon aus, dass jeder fünfte Europäer das Risiko einer Mangelernährung hat. Wir liegen mit 30 bis 35 Prozent der Patienten im Mittel. Es gibt Einrichtungen, vor allem in Pflegeheimen, wo die Rate bis 60 Prozent betragen kann.” Das ist richtig eine Rate kann auch mal 60% betragen, in einem Hospiz wäre das sogar fast normal. Man möchte gar nicht wissen, welche Einrichtungen die Experten da kennen. Man kann nur hoffen, dass in Zeiten der DRG’s die Diagnose “Mangelernährung” sich nicht gewinnbringend auf den Erlös der Kliniken auswirkt und so die Quote anschwellen lässt. Ernährungsteams müssen finanziert werden, Sponsoring reicht nicht aus.

Jetzt wird es paradox – immer mehr Pflegeheimbewohner mit Adipositas

Meldung fettleibige Heimbewohner
Artikel aus der NN vom 29.04.2009

Verstörend wirkt dann schon wieder jene Meldung aus einer Nürnberger Lokal-Zeitung, basierend auf einer Studie, die ich noch näher vorstellen werde: “Jeder vierte Heimbewohner ist fettleibig.”

Es folgt ein kurzes, dramatisches Zwischenfazit der Pressemitteilungen:

  • Jeder dritte Bewohner in den Pflegeheimen bekommt nicht genug zu Essen.
  • Millionen Senioren sind mangelernährt.
  • In Pflegeheimen kann die Rate an mangelernährten Bewohnern bis zu 60% betragen.
  • Hoppla, jeder Vierte ist zu dick
Ausmaß der Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen - Presse
Ausmaß der Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen – Presse

Palliativpflege von Menschen mit Demenz braucht Zeit und Personal

Dokumentation schützt keine Menschenwürde – es braucht Zeit und Personal

Die DGP (Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin) veröffentlicht am Mittwoch, den 28. Januar 2015 eine Pressemitteilung in der sie ihre Forderung nach einer angemessenen Personalausstattung und fairer Bezahlung in der Pflege unterstreicht.

Prof. Dr. Lukas Radbruch, Präsident der multiprofessionellen Fachgesellschaft mit rund 1.500 Mitgliedern allein aus der Pflege,betonte bei einer internationalen Fachtagung zur „Palliativversorgung von Menschen mit schwerster Demenz“ im Bundesfamilienministerium, dass insbesondere die Demenzerkrankung stärker als lebensverkürzende Erkrankung wahrgenommen werden müsse. Diese Sicht führe zu einem anderen und vorausschauenden Umgang mit einer unweigerlich eintretenden Verschlechterung sowie dem Sterben und dem Tod eines alten Menschen.

alter Mensch
Foto: ingairis/ Quelle PHOTOCASE

Die palliative Pflege von Menschen mit Demenz oder in hohem Alter ist geprägt von hohem Zeit- und Personalaufwand. „Eine Pflegekraft, die im Nachtdienst eines Altenpflegeheims allein für insgesamt 60 bis 80 pflegebedürftige Bewohner zuständig ist, kann sich beim besten Willen nicht mit der notwendigen Zuwendung um einen sterbenden Patienten kümmern.“ erklärte Katja Goudinoudis, Sprecherin der Sektion Pflege und Vorstandsmitglied in der DGP.

Lesen sie die komplette Pressemitteilung

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4 MDS Qualitätsbericht – Ernährung

Ergebnisse des Pflege-TÜV zur Ernährung und Flüssigkeitsversorgung in der stationären Pflege

Am 14.Januar 2015 veröffentlicht der MDS den 4.Pflege-Qualitätsbericht zur “Qualität in der ambulanten und stationären Versorgung”. Insgesamt habe sich die Versorgungsqualität Schritt für Schritt verbessert. Für den Bereich Ernährung habe ich die wichtigsten Kennzahlen auf einer Infografik zusammengefasst.

Erstaunlich ist nur wieder ein Satz: Bei der Ergebnisbewertung ist zu berücksichtigen, dass Anzeichen einer Dehydratation mit den bei externen Qualitätsprüfungen zur Verfügung stehenden Mitteln (Inaugenscheinnahme, Pflegedokumentation, Befragung) schwer erkennbar sind.

Anmerkung: Eine Dehydration ist nicht schwer erkennbar, sondern es ist sehr unwahrscheinlich, dass Pflegefachkräfte so inkompetent sind nicht zu erkennen, wenn ein Bewohner mit trockenen Mund und Anzeichen einer Dehydration im Bett liegt und man nicht den Arzt verständigt hat. Das Problem ist das Prüfkriterium, das zwangsläufig positiv ausfallen muss. Sollte dem nicht so sein müsste man die Kompetenz der Prüfer anzweifeln.

Ergebnisse des MDS 4 Qualitätsbericht Ernährung
Ergebnisse 4. Qualitätsbericht des MDS-Ernährung
  • Ernährungsmanagement in Pflegeeinrichtungen
  • Ernährungsmanagement und die Frage nach dem Trinkprotokoll
  • Ernährungsmanagement und der BMI
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Essen auf Räder

Essen auf Rädern – Eine Versorgungsalternative für Demenzkranke

Gastbeitrag von “Wohnen im Alter” Deutschlands großes Suchportal für Altenheime, Betreutes Wohnen & Pflegedienste

Essen, sprich Ernährung, ist für jeden Menschen notwendig. Durch die Nahrungsaufnahme werden dem Körper alle wichtigen Vitamine, Mineralstoffe, Kohlenhydrate, Fette etc. geliefert. Dadurch bekommt jeder von uns die Energie, die besonders für den Stoffwechsel gebraucht wird. Auch die körpereigenen Funktionen, sowie dessen Aufbau und sogar Schutz gegen Infektionen werden durch die Nahrungsaufnahme unterstützt. Mit zunehmendem Alter werden viele Leute immer vergesslicher und denken nicht mehr an die richtige Ernährung oder vergessen sogar die Mahlzeiten ganz.

Essen bei Demenzkranken

Mit höherem Alter steigt das Risiko an Demenz zu erkranken. Die dementen Menschen bekommen nicht nur Probleme mit ihrem Gedächtnis sondern auch mit ihrem nachlassenden Geschmackssinn. Dabei ist es aber besonders bei Demenzkranken wichtig, sich richtig zu ernähren. Der Körper benötigt mit dem Alter zwar weniger Kalorien, das Bedürfnis an Nährstoffen bleibt aber konstant. Wichtig ist es, feste Essenszeiten einzuhalten. Auch Spazieren vor dem Essen kann den Appetit anregen. Damit die Mahlzeiten nicht eintönig wirken, kann man verschiedene Gewürze ausprobieren. Auch buntes Gemüse kann viel bewirken.

Essen auf Rädern: Das Konzept

Eine interessante Alternative für Senioren ist Essen auf Rädern: Ein warmes Essen wird nach Hause gebracht. Man muss nicht einkaufen, kochen und abwaschen – so wird das Leben eines Demenzkranken erleichtert. Die Idee entstand in England in 1943. So haben die Frauen „Meals on wheels“ an pflegebedürftige und alte Menschen geliefert.

Essen auf Rädern: So sieht es aus

Eine volle Mahlzeit mit Vor-, Haupt- und Nachspeise kostet zwischen drei bis neun Euro. Die Essensdienste liefern meistens ohne Vertrag und Kündigungsfrist. Wenn die Rente nicht ausreicht, so haben die Personen mit voller Erwerbsminderung eine Möglichkeit, einen Zuschuss vom Sozialamt der Kommune zu bekommen. Essen auf Rädern kann man leider nicht steuerlich absetzen.

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Leidensweg künstliche Ernährung

Leben am Schlauch

Ein Artikel in “Die Zeit” von Martin Spiewak (Ausgabe 23/2009)

Spiewak beschreibt die Auswirkungen der künstlichen Ernährung auf das Leben der Betroffenen. Er führt Interviews mit Experten und analysiert auch die finanziellen Aspekte um den Markt mit der künstlichen Ernährung. Essen eingeben ist teuer, da “personalintensiv”.

Lesen sie den interessanten Artikel auf Zeit-Online

Studie Kostenvergleich “Esseneingeben” versus “künstliche Ernährung” bei fortgeschrittener Demenz

Bisher wurde nur eine Studie veröffentlicht, in der verglichen wurde, welche Form der Ernährung günstiger ist: Esseneingeben oder künstliche Ernährung. Die Studie wurde in Amerika durchgeführt. Verglichen wurden 22 Personen mit fortgeschrittener Demenz, 11 wurden über eine Magensonde ernährt (Ø 84.3 Jahre +/- 6.0) und 11 wurde das Essen eingegeben (Ø 90.2 years +/- 9.1).

Insgesamt kamen die sondenernährten Demenzkranken teurer. Ausschlaggebend waren die Kosten für notwendige Krankenhauseinweisungen und Behandlungskosten für aufgetretene Komplikation. Diese Studie kann nicht auf das deutsche System übertragen werden.

Mitchell et al (2003) Tube-Feeding Versus Hand-Feeding Nursing Home Residents with Advanced Dementia: A Cost Comparison, JAMDA, Volume 4, Issue 1, Pages 27–33

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Blandford Skala

Beurteilung des ablehnenden Essverhalten bei Demenz mit der Blandford Skala und Lösungsstrategien

Im Verlauf der Demenz kommt es in der fortgeschrittenen Phase häufig zu Ernährungsproblemen, weil die Betroffenen z. B. das Essen ablehnen, nicht trinken wollen oder die Fähigkeit verloren haben mit Besteck umzugehen.

  • Ernährungsmanagement in Pflegeeinrichtungen
  • Ernährungsmanagement und die Frage nach dem Trinkprotokoll
  • Ernährungsmanagement und der BMI

In einer Studie von Blandford konnten Problemen beim Essverhalten kategorisiert werden. Jede Verhaltens-Kategorie erfordert wiederum eigene spezifische therapeutische Interventionen. Die Blandford Skala (Aversive Feeding Behaviour Inventory) teilt “Ablehnendes Essverhalten” in folgende Kategorien:

Beeinträchtigt direkt den Essensvorgang

  • Selektives Verhalten, nur bestimmte Lebensmittel werde gegessen oder getrunken.
  • Allgemeine Dyspraxie/Agnosie (globale kognitive Defizite, Verwirrtheit fehlende Konzentration)

Indirekte Beeinträchtigung des Essens

  • ablehnendes Verhalten
  • Oropharyngeale Dysphagie (fehlende orale neuromuskuläre Koordination beim Kauen)
  • Pharygnoösophageale Dysphagie (Nahrung gelangt in die Luftwege)
  • Abhängigkeit vom Füttern (Ergebnis anderer Verhaltensstörungen beim Essen)
Ernährungsproblemen im Verlauf der Demenz
Auftreten von Ernährungsproblemen im Verlauf der Demenz

Die Häufigkeit von ablehnendem Verhalten beim Essen nimmt im Verlauf der Demenzerkrankung zu. In den schweren und terminalen Stadien der Erkrankung nimmt die Dyspraxie zu, während gleichzeitig die Nahrungsverweigerung abnimmt. Selektives Verhalten und Widerstandsverhalten sowie non-orale Dyspraxie können allgemeinen Änderungen zerebraler Funktionen zugeordnet werden (Appetitlosigkeit, Angst, agitiertes Verhalten). Dagegen ist die buccale Dyspraxie Ausdruck neuromuskulärer Dysfunktion in der Mund- und Pharynxphase des Schluckvorgangs. Oropharyngeale Dysphagie tritt in den Endstadien der Demenz auf und wird selten klinisch erkannt. Sie betrifft Störungen des Mundschlusses, des Kauens und Einspeichelns, der Bolusformation und der Passage des Bolus in den Pharynx.

Quelle: Blandford G, Watkins LB, Mulvihill MN & Taylor B. (1998) Assessing abnormal feeding behavior in dementia: A taxonomy and initial findings. In:Weight Loss & Eating Behaviour in Alzheimer’s Patients. Research and Practice in AD eds Vellas B, Riviere S, Fitten J. New York: Serdi Publishing Company. S. 47-64

Das Aversive Feeding Behaviour Inventory – Ein Instrument zur Beurteilung von gestörtem Eßverhalten bei Demenzkranken

A. Beeinträchtigt direkt den Essensvorgang

Oropharyngeale Dysphagie (fehlende orale neuromuskuläre Koordination beim kauen)

  • Öffnet den Mund nur bei direktem physischen Kontakt mit dem Löffel
  • Presst die Lippen zusammen
  • Hält den Mund fest verschlossen und beißt die Zähne zusammen
  • Ständige Zungen- und Lippenbewegungen verhindern die Nahrungsaufnahme
  • Nimmt die Nahrung in den Mund und stößt sie wieder aus
  • Nimmt Nahrung auf, aber schluckt sie nicht
  • Nimmt Nahrung auf, aber schließt nicht den Mund, Nahrung fließt aus dem Mund

Selektives Verhalten (erfordert qualitative Änderung der Ernährung)

  • Verlangt nach besonderem Essen oder lehnt die Nahrung ab
  • Verlangt nach besonderem Essen, probiert es, beklagt sich und isst nicht weiter
  • Lehnt mehrere verschiedene Nahrungsmittel ab
  • Isst geringe Mengen und lehnt weitere Nahrung ab
  • Bevorzugt flüssige Nahrung (> 50 % der Nahrungsaufnahme)
  • Akzeptiert nur flüssige Nahrung

B. Indirekte Beeinträchtigung des Essens

Ablehnendes Verhalten des Demenzkranken

  • Wendet den Kopf zur Seite
  • Hält die Hände abwehrend vor den Mund
  • Schiebt den Löffel weg
  • Schlägt nach dem Pflegenden
  • Wirft mit dem Essen

Allgemeine Dyspraxie/Agnosie (globale kognitive Defizite, Verwirrtheit und fehlende Konzentration)

  • Muss verbal zum Essen gedrängt werden
  • Isst mit den Fingern statt mit Besteck
  • Unfähig mit Besteck zu essen
  • Spielt mit dem Essen herum ohne zu essen
  • Spielt ständig statt zu essen
  • Versucht nicht Essbares zu essen
  • Läuft während des Essens vom Tisch weg
  • Beachtet die Nahrung nicht

Weitere Auffälligkeiten, die sich bei der Entwicklung der Skala gezeigt haben:

Schluckstörungen (Nahrung gelangt in die Luftwege)

  • Hustet oder würgt bei der Nahrungsaufnahme
  • Gurgelnde Stimme

Abhängigkeit vom “Esseneingeben”

  • Zeigt wenigstens ein Merkmal gestörten Verhaltens beim Essen, isst aber selbst
  • Muss gelegentlich Essen gereicht werden (während einer oder verschiedener Mahlzeiten)
  • Isst nur, wenn er/sie gefüttert wird

ZU den unterschiedlichen Verhaltensweisen wurden von mir individuelle Lösungsansätze und Strategien den einzelnen Kategorien zugeordnet. Es sind lediglich Vorschläge, da eine empirische Überprüfung bisher nicht erfolgte. Sie basieren auf meiner jahrelangen Erfahrung in der Praxis:

Beeinträchtigt direkt den Essensvorgang
Maßnahmen
Oropharyngeale Dysphagie

  • Weiche Kost, evtl. Breikost und Snoothies anbieten.

  • Reichen von kleinen mundgerechten Portionen, aber groß genug um zu fühlen, dass Essen im Mund ist.

  • Kleine Löffel verwenden.

Selektives Verhalten

  • Essbiografie erstellen, beliebte Speisen von früher anbieten.

  • Auf eine appetitanregende Präsentation der Mahlzeiten achten.

  • Aufgrund veränderter Geschmacksempfindung, z. B. Speisen würzen, kann auch etwas Zucker auf Wurst sein – Kreativität.

Indirekte Beeinträchtigung des EssensMaßnahmen
Ablehnendes Verhalten

  • Selbstständigkeit fördern mit Fingerfood.

  • Bezugsperson oder vertraute Person sollte bei den Mahlzeiten anwesend sein.

  • Benutzen von verbalen Anweisungen; deutliche Beschreibung des angebotenen Essen (besonders bei pürierten Essen), benützen eines freundlichen aber auch überzeugenden Umgangston.

  • Zulassen von „ungewohntem“ Essverhalten. Selber essen ist wichtiger als saubere Kleidung.

Allgemeine Dyspraxie/Agnosie (globale kognitive Defizite, Verwirrtheit fehlende Konzentration)

  • Auf eine stressfreie Umgebung beim Essen achten. Lärm oder andere von Essen ablenkende Störungen sollten auf ein Minimum reduziert werden.

  • Die Gänge einzeln präsentieren, um eine Überforderung zu vermeiden.

  • Eine Pflegeperson soll während der gesamten Mahlzeit bei dem Betreuten bleiben und Störungen vermeiden. Sie sollte ihm gegenüber sitzen, in Augenhöhe und auf Augenkontakt achten.

  • Bei unruhigen Patienten/Bewohnern immer wieder kleine Snacks anbieten (Eat by walking).

Pharygnoösophageale Dysphagie (Nahrung gelangt in die Luftwege)

  • Bei Dysphagie sollte immer eine Logopädin hinzugezogen werden, welche die Schluckfähigkeit einschätzt oder eine für Kau- und Schlucktraining ausgebildete Pflegekraft.

Beispiele:

Literatur von Blandford:

Blandford G, Watkins L: “Aversive feeding behavior in demented nursing home residents: Characteristics and correlations.” J Am Geriatr Soc 43: 10, 1994 (Received AGS award for best clinical research on geriatric syndromes)

Blandford G, Watkins L, Mulvihill M, Taylor B: “Correlations of aversive feeding behavior in dementia patients.” J Am Geriatr Soc 43: SA11; 1995

Blandford G: “Feeding the Alzheimer’s Patient.” Facts, Research and Intervention in Geriatrics: Nutrition. Gerontology, 1995

Blandford G., Bosko F, Antis P: “Objective swallowing evaluations in demented patients with aversive feeding behaviors.” The Gerontologist 38:Special Issue 1: 323, p 345; 1998

Blandford G., Fann CJ: “Dementia, abnormal feeding behavior and death” J Am Geriatr Soc 48: S18 P27; 2000

Blandford G: “Eating disorders”, in “Brocklehurst’s Textbook of Geriatric Medicine & Gerontology” edited by Tillis et al, Churchill Livingston, (London), Sixth Edition. Chapter 108, pp 1381-1390 (2002)

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