Sport ist gesellschaftlich grundsätzlich rundum positiv konnotiert. Sporttreibende gelten als gesundheitsbewusst, diszipliniert und als erfolgreich im Beruf. Doch die Fassade, die sich so mancher Sportler bzw. so manche Sportlerin durch ein hohes Sportengagement aufbaut, kann manchmal darüber hinwegtäuschen, dass sich dahinter tieferliegendere Probleme verbergen – beispielsweise Ernährungsprobleme.

Problematisches Verhalten erkennen und handeln

Der Freizeitsport hat in den vergangenen rund 60 Jahren eine bemerkenswerte Metamorphose durchgemacht. Ehemals noch mit Unverständnis beäugt, gehört er heute zum Alltag der meisten Menschen in den westlichen Industrieländern wie selbstverständlich dazu. Dies hat viel damit zu tun, dass sich zum einen unser Gesundheitsbewusstsein verändert hat; zum anderen haben sich aber auch unser Alltag sowie unsere Arbeitswelt massiv verändert. So müssen wir heute deutlich weniger körperlich hart arbeiten oder ganz grundsätzlich unseren Körper im Alltag weniger bzw. seltener wirklich fordern. Um den damit verbundenen degenerativen Erscheinungen vorzubeugen (Rückenschmerzen, Knochen- und Muskelschwund), empfiehlt es sich daher ein Mindestmaß an körperlicher Aktivität in den Alltag zu integrieren. Dabei muss es nicht unbedingt gleich Leistungssport sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft zum Beispiel bereits rund 2,5 Stunden moderater Bewegung in der Woche als ausreichend für die Gesundheitspflege bzw. -erhaltung ein.

Man joggt über Wiese

Doch manchen Menschen reicht dies nicht aus. Entweder betreiben sie immer exzessiver Sport und rutschen in eine Sportsucht ab (primäre Sportsucht) oder sie entwickeln eine Essstörung, die sie mit dem Sport zu kaschieren beginnen (sekundäre Sportsucht). Und weil Sport heute durchweg positiv besetzt ist, fallen solche Probleme oftmals erst sehr spät auf. Essstörungen fangen nämlich eher schleichend an und haben tiefe psychosoziale Ursachen, die oftmals nur noch mit professioneller Hilfe ergründet werden können. Häufig beginnt es damit, dass sich die Erkrankten etwa eine Personenwaage zulegen und regelrecht davon abhängig werden, ihr Gewicht immer wieder kontrollieren zu müssen. Dies kann etwa in einer sogenannten »Orthorexia nervosa« (Zwang, sich gesund zu ernähren) oder einer Sport-Anorexie (Sport-Magersucht) bzw. einer Sport-Bulimie (Sport-Ess-Brech-Sucht) münden.

Frühzeitig etwas unternehmen

Die Grenzen zwischen Zwang bzw. Krankheit und Gesundheit sind im Bereich von Essstörungen, die mit Sport bearbeitet werden, recht fließend. Es liegt zunächst einmal auf der Hand, dass sportliche Betätigung, welcher Art auch immer, einem stets eine gewisse Selbstverpflichtung abverlangt: Man muss sich ein Stück weit disziplinieren und sich auch mal zu einer Trainingseinheit zwingen, wenn man etwaige Fortschritte sehen möchte. In der sportpsychologischen Literatur spricht man in diesem Zusammenhang auch von einer »Sportbindung«, die notwendig ist, um einen Sport überhaupt einigermaßen angemessen betreiben zu können. Kritisch wird es jedoch, sobald die Sportbindung in ein zwanghaftes Verhalten umschlägt. Dann geht es den Betroffenen nicht mehr darum, Freude an der Bewegung zu haben oder etwa gesundheitliche Minimalziele einzuhalten (ein bestimmtes Gewicht zu halten), sondern darum, sich immer mehr vom Sport und der Ernährung abhängig zu machen. Meistens geht damit ein Kontrollverlust einher, der zu einer Eskalationsspirale führt: Es wird immer mehr Sport betrieben, während beispielsweise immer weniger gegessen wird, was oftmals im Zusammenbruch endet.

Das Wichtigste ist, solche Eskalationsspiralen bereits in Ansätzen zu erkennen. Als eine Art Prüfstein kann dabei das Gedankenexperiment gelten: So kann man sich fragen, wie es denn wohl wäre, wenn man von heute auf morgen die sportliche Aktivität komplett herunterfahren oder sich eine Zeit lang nicht nach irgendwelchen Ernährungsplänen ernähren würde. Gerät man etwa allein schon bei dem Gedanken daran in Panik, so gilt es wachsam zu werden und sich selbst genauestens zu beobachten. Am besten ist es, sich einen ärztlichen Rat einzuholen und umgehend die empfohlenen Schritte einzuleiten, denn je länger man die Symptome verschleppt, desto schwieriger wird es im Endeffekt, etwas dagegen zu tun.

Wir konnten in diesem Artikel nur einige Aspekte aus dem Komplex »Sport und Essstörungen« herausgreifen. Dieses Thema ist hochgradig komplex und vielschichtig. Betroffene bzw. solche, die einen entsprechenden Verdacht haben, sollten im Zweifelsfall einen Arzt konsultieren.